Neulich am Stammtisch hatten wir eine kleine Diskussion darüber, warum DE-Mail so stark beworben wird, trotz aller bekannten Fehler und Lücken und trotz bereits erfolgreicher Systeme wie PGP und GPG. Meine Meinung hat vielleicht etwas von Verschwörungstheorie, aber dennoch:
Es geht meiner Meinung nach nicht darum, die Mails/Briefe vertraulich zu bekommen. Für den (unbedarften) Endkunden und die Behörden sieht das System sicher toll aus. Der Pluspunkt für den Bürger: die unkomplizierte Kommunikation mit den Behörden, die anscheinende Sicherheit. Der Pluspunkt für die Behörden: mit der Versendung gilt ein Schreiben als zugestellt, da sich ein Bürger mit Benutzung der Dienste verpflichtet, die Mails täglich abzurufen.
Ginge es alleine um eine sichere Ende-zu-Ende Kommunikation, wäre die einfachste Möglichkeit, das GPG/PGP-Prinzip (wieder weiter) auszubauen und Bürgern einfachere Software zur Verfügung zu stellen. Das BMWi und das BMI kennen sich damit ja schon aus, auch andere Behörden benutzten PGP zur verschlüsselten Kommunikation.
Und spätestens nach der Feststellung, dass es in den letzten 10 Jahren schon Anstrengungen in die Richtung gab, Bürgern eine Verschlüsselung nachezulegen, sie bei der Benutzung zu bestärken, ihnen überhaupt zu helfen, Verschlüsselung einzusetzen, fragt man sich, warum man 8 Jahre nachdem das Projekt eingestampft wurde, eine so lückenhafte Implementierung von „Verschlüsselung“ zulässt. Und auch, warum ein mündiger Bürger, der Verschlüsselung einsetzt, damit schon als Verdächtiger gilt.
Wie ich schon sagte: der Sinn und Zweck ist es bei De-Mail (vermutlich), dem Bürger Sicherheit und Vertraulichkeit vorzugaukeln und im Hintergrund die Kontrolle bzw. eine so genannte „Backdoor“ zu haben, um die Benutzer des Dienstes zu kontrollieren/überwachen. Im Sinne eventuell zukünftig geplanter Vorstöße gegen das Brief- und Fernmeldegeheimnis ist man hier dann schon vorbereitet.
Ach ja: Geld verdienen kann man damit auch. Auch das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn mit GPG und Thunderbird verdienen Behörden kein Geld. Warum aber eine vertrauliche Mail, die man kostenlos mit GPG bekommen kann, jetzt ausgerechnet Geld kosten soll, ist mir weiterhin unbegreiflich. Vor allem, wer dieses System am Ende nutzen wird.
Bei dem E-Postbrief kommt dabei dann nicht nur die Möglichkeit einer Öffnung eines vertraulichen Schreibens hinzu, nein, wenn ich den Brief an eine Offline-Adresse schicke, wird der Brief von der Post gedruckt. Erschreckend. Von der grausigen Werbung mal ganz zu schweigen. Vertraulich geht anders.
Aber spätestens sobald die ersten mit ACTA-Regelungen oder anderen Three-Strikes-Direktiven vom Netz getrennt werden und somit ihren De-Mail-Account nicht mehr abrufen können, die Behörden (u.a. ja auch die Gerichte) dann mittels De-Mail die Gerichtsdaten etc. an den Angeklagten schicken, werden wir lustige Fälle haben, die vermutlich vor dem BVerfG landen werden. Wahrscheinlich wird es aber schon vorher genut Furore geben. Ich vertraue den Jungs vom CCC dabei voll und ganz. Ich warte auf den großen Knall.
Ich für meinen Teil bleibe bis auf weiteres bei GPG.
Fehler, Lücken und offene Fragen im Konzept von De-Mail und dem E-Postbrief
- Die Mails werden nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt – wer kontrolliert die Post hierbei?
- Warum implementiert man nicht ein Public-Private-Key-Verfahren?
- Die Wahrung des Briefgeheimnisses wird hier mit „Features“ ausgehebelt.
- Sendung wird mit Zustellung gleichgesetzt
- Was ist mit Urlaub ohne Internetzugang?
- Was ist, wenn die von der EU/ACTA geforderten Regelungen mit der Kappung des Internetzugangs durchgesetzt werden?
- Die Adressen werden nach dem Muster <vorname>.<nachname>.<id>@<provider>.de-mail.de erstellt.
Was machen Nutzer von bsp. T-Online-Email-Adressen wenn sie den Provider wechseln? Und was ist mit Mails die während der Übergangszeit ankommen?
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